BASEL: DIE ZAUBERFLÖTE – Escher und Tinguely lassen grüssen. Premiere

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Nach einer eher selten gespielten „Chowanschtschina“ von Modest Mussorgski bringt das Theater Basel nun mit Wolfgang Amadé Mozarts Singspiel „Die Zauberflöte“ das meistgespielte Musiktheaterwerk aller Zeiten auf die Bühne. Doch hat diese Produktion auch das Zeug dazu, zu einem Kassenschlager zu werden?

Beginnen wir mit dem Besten des Abends, dem Bühnenbild: Mirella Weingarten schafft eine Bühnenlösung, die schnelle Szenenwechsel erlaubt. Sie fertigt ein innovatives, bewegliches, verspieltes Bühnenbild an, das aus mehreren fahrbaren, mechanischen Gerüsttürmen besteht. Diese sind bestückt mit mechanischen Räderwerken, aufklappbaren Treppen, Wendeltreppen und Leitern. Die unendlichen Treppenbilder von M.C. Escher oder die beweglichen Skulpturen von Jean Tinguely können Pate stehen.

Die Bühnenanweisungen Schikaneders und Mozarts werden mit einem Augenzwinkern bedacht, wenn statt eines ägyptischen Tempels eine erzgebirgische Weihnachtspyramide auf die Bühne gefahren wird, auf der die Chorherren des Opernchors des Theater Basel – wie Spielfiguren – winkend und lächelnd ihre Runden drehen. Zum Glück wird auch auf die allzu oft lächerlich wirkende Pappmasché-Schlange, die Tamino zu Beginn des Stücks beinahe tötet, verzichtet. Zum Schluss werden für die Feuer- und Wasserprobe alle Bühnenelemente zu einem Spielplatz-Hindernisparcours zusammengesetzt, den Tamino und Pamina durchschreiten müssen, um schliesslich geläutert und in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen zu werden. Da gibt es einiges zu staunen und zu entdecken. Ein grosses Kompliment an die Werkstätten des Theater Basel!

Neben gelungenen Slapstick-Nummern der drei Damen der Königin der Nacht (mit viel Elan, Spielfreude und ausgeklügelter Haarpracht: Bryony Dwyer, Dara Savinova und Sofia Pavone) oder den als Nonnen verkleideten Chorherren lässt die Figurenführung von Julia Hölscher, seit dieser Spielzeit Hausregisseurin am Theater Basel, einiges zu wünschen übrig. Die Inszenierung ist oft träge und schleppt. Insbesondere in den – zugegebenermassen schwierigen – Dialogen hätte man sich mehr Zug und Tempo erhofft. Dies mag zum Teil auch an der schlecht verständlichen Aussprache einiger Sängerinnen und Sänger gelegen haben. Auch die Übergänge zwischen den dialogischen und musikalischen Passagen verlaufen nicht immer reibungslos. Das Spiel ist insgesamt zu zaghaft und vermag nicht zu fesseln.

Hinreissend sind indes Pagageno (Thomas Tatzl) und Papagena (herrlich ausgestaltet: Valentina Marghinotti) als Buffo-Paar, das ein bisschen Schwung in die Inszenierung hineinbringt. Papageno, im aufgebauschten Tüll-Rock und mit nacktem Oberkörper (Kostüme: Susanne Scheerer), kann seine Sprüche und Witze gut platzieren. Darstellerisch und musikalisch gibt Tatzl einen souveränen Vogelhändler. Das hohe Paar hingegen vermag den beiden Vogelmenschen nicht Paroli bieten.Sebastian Kohlhepp als Tamino besticht zwar durch seine exzellente Diktion und produziert mit seinem schlanken Tenor einen schönen Klang, wirkt jedoch szenisch etwas verhalten. Auch Anna Gillingham als Pamina mit blauer Perücke hätte szenisch mehr ausbrechen müssen. Sie bleibt zu blass und kann auch stimmlich nicht überzeugen. Mari Moriya mit wasserstoffblonden Haaren in der Rolle der Königin der Nacht schmettert ihre Koloraturen kraftvoll in den Zuschauerraum. Szenisch hätte sie mehr herausholen können. Ihr Widersacher aus dem Sonnenreich ist ein junger Sarastro, der von Callum Thorpe edel, stolz und stimmlich solid verkörpert wird. Wäre er nicht eine ebenso gute Partie wie Tamino für Pamina gewesen?

Karl-Heinz Brandt gibt den Stalker Monostatos, der sich bei Hölscher äusserlich nicht durch die schwarze Hautfarbe, sondern durch seine skelettartigen Tätowierungen an Kopf und Oberkörper – an die Untoten aus dem Film „Pirates of the Caribbean“ erinnernd – von den anderen Figuren abgrenzt.

Der Mozartspezialist Christoph Altstaedt koordiniert mühelos Bühne und Orchester. Er dirigiert – ohne Stab – präzise mit höchstem Fingerspitzengefühl und erreicht einen transparenten Klang, bei dem die einzelnen Instrumente und Instrumentengruppen wunderbar solistisch hervortreten können. Papagenos Zauber-Glockenspiel übernimmt er gleich selbst. Das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Christoph Altstaedt erntet zu Recht einen gebührenden Applaus.

Zum Schluss verdienen auch die bezaubernden drei Knaben ein grosses Lob, interpretiert von Noah Gysin, Jarin Schläfli und Tizian Kuld, alle drei Solisten der Knabenkantorei Basel.

Carmen Stocker

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